Kapitel 37 : Die Träne die vom Himmel fiel
Ein sanftes Knirschen tönte durch den Raum, als die Tür langsam, beinah zaghaft, geöffnet wurde. Schlanke feminine Finger drückten sie von sich weg. Es verhalf dem Raum vor ihr keineswegs zu mehr Licht, denn er besaß seine eigene magische Helligkeit.
In den großen dunklen Augen Fantaghiros war die Erleichterung deutlich sichtbar, als sie ihrer alten Lehrmeisterin entgegenblickte. Die schwarzen Augen der Hexe stachen aus der weißen Erscheinung heraus wie zwei Onyxe aus einem Meer aus Federn. Auch wenn das Gesicht keine jugendliche Glätte besaß, wirkte es trotzdem zeitlos.
Ein Lächeln zog den breiten Mund zu einer freundlichen Miene. Der jungen Königin, die ihr ins Angesicht sah, fiel sichtlich eine schwere Last von ihren Schultern tief zu Boden.
„Was ist das?“ Fantaghiros Stimme ertönte hinter der älteren Frau.
Die Hexe drehte sich um, weiße Locken glitten über ihren Rücken. Sie hob ihre Hand und hielt sie geöffnet vor Fantaghiro. Diese sah erst nur neugierig darauf, doch dann weiteten sich ihre Augen vor Verblüffung. Dort in der fast schon kreidebleichen Hand, worin die Adern sichtbar schimmerten, lag ein blasser rosa Kristall.
Augenblicklich preschte die Erinnerung wie eine Flutwelle zurück in ihre Gedanken, in denen Romualdos grüne Augen zwischen Wut und Verwirrung schwankten. Dann verwischte das Lachen der schwarzen Hexe sein Gesicht und wandelte es zu einem mannshohen Kristall.
„Ich verstehe nicht…“ der Satz verebbte und die junge Frau zog ihre Augenbrauen zusammen.
Wieder formte sich ein Lächeln auf den Lippen der Hexe, die Augen funkelten. Der Kristall in ihrer Hand schimmerte blass, als sich ihre Finger etwas bewegten.
„Ich habe ihn an der Stelle gefunden, wo du deinen ersten großen Kampf mit der schwarzen Hexe ausgefochten hast.“ Sie ließ diese Nachricht auf Fantaghiro wirken, ehe sie fortfuhr.
„Vor kurzem konnte ich ihn besprechen und nun will ich ihn dir zum Geschenk machen.“ Wieder glänzten ihre Augen, in denen das Geheimnis tanzte.
Kurz wollte Fantaghiro für eine Frage ihre Lippen öffnen, doch sie schloss sie wieder, tonlos. Die Stirn legte sich in Falten, als dahinter weitere Fragen sich zu Sätzen formten. Dann bahnten sich doch Worte ihren Weg aus dem Mund der Königin.
„Wodurch hast du deine Kräfte wieder erlangt?“ Die Jüngere stemmte ihre Hände in die Hüften; die Geste war Ausdruck ihrer Verwirrung, die sich wie Wasser mit Neugierde mischte.
Die Hexe zog eine Augenbraue hoch. Diese Frau dort vor ihr war bei weitem nicht mehr das junge Mädchen, das sie das Kämpfen gelehrt hatte. Sie war vielmehr zu einer noblen Präsenz geworden, deren Worte nicht mehr unpassend entwichen.
Tief in ihrem Inneren war Fantaghiro so sehr gereift, dass sogar ihre Haltung zu einem Teil davon wurde. Die unsterbliche Hexe musste schmunzeln und erinnerte sich, dass sie der Frau vor sich noch eine Antwort schuldete. Doch wer wäre sie, wenn sie diese Aufforderung so einfach verschenken würde.
Ihr langer, wie ein Zweig wirkender Zeigefinger legte sich gegen ihre schmalen Lippen. Er pochte einmal dagegen, bis sie einige Schritte machte und den Augenkontakt zu Fantaghiro abbrach.
„Es ist ein Pakt.“
Die sonnengebräunte Haut Vatresars erhielt einen goldenen Schimmer durch das Leuchten in der kleinen Hütte. Sein Blick überflog den Innenraum, amüsiert schmunzelte er in sich hinein. Die Frau, die ihm gegenüberstand, beobachtete ihn im Gegenzug.
Er wirkte magisch auf eine andere, viel weltlichere Weise. Nebeneinander wirkten Zauberer und Hexe, als stünde ein Korb mit reifen Früchten neben einer Schüssel mit frischer Milch. Zumindest war dies das Bild, das sich im Kopf des Mannes bildete und das freche Grinsen verursachte.
„Ich werde es vielleicht öffnen können.“ Vatresar sprach es nebensächlich aus, während er ihre alchemistischen Apparaturen begutachtete.
Die Hexe schaute ihm zu, wie er sich mit seinen Fingern über den melierten Bart strich. Eine elegante Augenbraue hob sich zur Stirn und das so geheimnisvolle Lächeln der Frau begleitete eine Frage.
„Was genau öffnen?“ Ihre Stimme summte mit einem neugierigen Unterton.
Seine Antwort kam prompt, diesmal ohne jegliche Abschweifungen: „Die Mauer, die sich zwischen dir und deiner Macht errichtet hat.“
Sie reagierte mit einem einzigen Nicken, das ihre Nachdenklichkeit widerspiegelte.
„Ich nehme an, dass du einen Obolus dafür forderst.“ Die Worte kamen ruhig von ihren Lippen, aber mit dieser gewissen Spitze in der Stimme, die so charakteristisch für sie war. Es brachte Vatresar zum Grinsen.
„Du hast etwas, was für mich von Nutzen sein könnte.“ Der Mann vor ihr stemmte nun die Hände in seine Hüften.
„Das kann ich mir nur zu gut vorstellen.“ Sie war sich bewusst, dass er noch weiter reden wollte, aber sie konnte es sich nicht nehmen lassen, ihn zu unterbrechen. Ebenfalls nahm er sich heraus, sich nicht unterbrechen zu lassen und redete, ihren Worten keine Beachtung schenkend, weiter.
„Es gibt nur noch wenige Mächte, die sich der reinen Ausübung der weißen Kunst widmen.“ Eine seiner Hände gestikulierte elegant in die Richtung der Hexe vor ihm.
Diese nickte erneut, diesmal reagierte sie weniger spielerisch. Die schwarzen Augen schienen in eine andere Welt zu starren, als würde sich vor ihr eine Erinnerung wie ein Gemälde auftun.
„Ich will nur eine.“ Die Worte waren sanft gesprochen, aber laut genug, damit sie in die Gegenwart zurückkehrte.
Ihr Blick flog zu seinem Gesicht, wo er verweilte. Sie schaute ihn lange an, ohne Reaktion, bis eine leise, widerstrebende Antwort folgte.
„Das ist vielleicht mehr als ich besitze.“
Der Zauberer räusperte sich und verdeutlichte: „Ich kann es bis hierher spüren.“
Jetzt lächelte sie ihn an, das Leuchten in ihren Augen, das von ungeahnten Geheimnissen sprach, war zurückgekehrt. Dann schenkte sie ihm eins dieser Geheimnisse.
„Es gibt einen Grund, warum nur die Leuchtenden sie auffangen können.“
Vatresar grinste: „Also willst du nicht deiner alten Freundin helfen?“
Eigentlich war es keine Frage, es war eher eine kleine Herausforderung. Ein tiefes Atmen folgte, es kam aus ihrem Innersten.
„Das ist heikel, “ die Hexe fuhr sich durch das lange weiße Haar, „es ist die letzte, die ich habe, denn ihre Tränen sind verebbt.“
Nach diesem Satz war jeglicher Anflug eines Lächelns aus ihrem Gesicht verbannt, Vatresars Miene wurde von einem Schatten heimgesucht und er fuhr sich hastig über die Lippen. Wusste er doch genau, was das hieß.
„Sie hat sich schlafen gelegt; wenn die Tränen versiegen, stürzt das Land ins Dunkel.“
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